PresseberichteFreuen sich auf das neue „Schuljahr“( v.li.): Kurt Seggewiß, Stefanie Freitag, Stefan Frischholz, Angelika Meindl, Leonhard Dietrich, Harald Krämer und Andreas Meier.

Die Veranstalter und einige der Referenten und Workshop-Leiter der 10. Oberpfälzer Psychatrietage (von links): Bertold Kellner, Professor Heiner Keupp; Dr. Christian A. Rexroth, Dr. Markus Wittmann, Harald Kelsch, Sieglinde Keim, Thomas Fehr und Harald Krämer.

Erschöpfung ohne Ende

as 28. März 2019

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Wer mit Psychiatrie etwas zu tun hat und nicht bei den 10. Oberpfälzer Psychiatrietagen dabei war, hat viel versäumt. Kaum ein Thema wird ausgespart.




Weiden. (sbü) Einen Höhepunkt der zweitägigen Oberpfälzer Psychiatrietage gab es gleich zu Beginn. Mit Professor Heiner Keupp kam einer der bekanntesten deutschen Sozialpsychologen nach Weiden und referierte in der Max-Reger-Halle über das Thema "Leben in der Gesellschaft 4.0: Beschleunigung ohne Ende - Erschöpfung ohne Ende". Das fasste bereits den Inhalt des Referats zusammen und könnte inhaltlich auch als Überschrift über dem gesamten Tagungsgeschehen stehen.

Unter Hinweis auf die 47 Prozent zukünftig vom Jobverlust gefährdeten Berufe stellte Keupp fest: "Menschen erleben die Grenzen ihrer Belastbarkeit." Er sprach von "psychosozialen Grenzüberschreitungen". Die Folgen: "Vier von zehn Beschäftigten fühlen sich abgearbeitet und verbraucht." Arbeitsunfähigkeitszeiten, Angststörungen, Depressionen und Psychopharmaka-Konsum würden drastisch zunehmen. Allerdings sieht Keupp im Begriff Arbeit 4.0 weniger eine revolutionäre Veränderung, sondern vielmehr eine "Intensivierung und Beschleunigung" einer vorhandenen Entwicklung und eine "unaufhaltsame Beschleunigungsdynamik des globalen Kapitalismus".

Der "berufliche Fitness-Parcours" habe eine nach oben offene Skala, jeder Rekord könne immer noch gesteigert werden, erklärte der Referent. Alles laufe auf "Scheitern und Erschöpfungszustand" hinaus. Keupp sprach auch von einem "neoliberalen Menschenbild, das maximale Selbstkontrolle als Fortschritt anpreist". Die Figur des "unternehmerischen Selbst" müsse auf den Prüfstand gestellt werden. Eigene Ressourcen würden aufgebraucht und nicht auf Erneuerung geachtet. Keupp fordert deshalb eine Neuauflage der Projekte zur Humanisierung der Arbeit, die auch "zur Vision einer sozialen und humanen Gesellschaft" werden sollte. Diese Gesellschaft dürfe nicht "der Sachzwang-Argumentation von Technik und Wirtschaft überlassen werden".

Verwiesen wurde auf die Bedürfnisstruktur von Arbeitnehmern, wie sie in einer Studie des Bundesarbeitsministeriums beschrieben wurden. Neben "sorgenfrei von der Arbeit leben können" steht dort auch "Sinn außerhalb der Arbeit suchen" und "Balance zwischen Arbeit und Leben finden". Wie in der Psychiatrie würden nicht Eliten die besten Lösungen finden, sondern Betroffene.

Nach dem Eröffnungsvortrag wurde zwei Tage lang in Diskussionen und rund vierzig Workshops das gesamte Spektrum der aktuellen Themen behandelt. Mit dabei war eine Reihe bekannter Wissenschaftler, Ärzte und Verwalter psychiatrischer Einrichtungen. Beispielhaft sollen einige der vielen Stellungnahmen zitiert werden: Der ärztliche Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof, Dr. Markus Wittmann, plädierte dafür, in der Psychiatrie "nicht so schnell von einer Krankheit zu sprechen".

Wittmann empfahl ein "Weg von der Selbstoptimierung und Hin zur Selbstverwirklichung". Der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. Christian A. Rexroth, kritisierte: "Die Optimierung und Beschleunigung dringt bereits in die Kindheit ein." Der Mediziner sah bei Kindern auch ein "Feld der Überförderung" und zitierte den Begriff vom "Grundschulabitur". Harald Kelsch vom Verein "Irren ist menschlich" wünscht sich, "psychische Erkrankungen nicht in die Nähe von Scheitern zu stellen". Noch immer würde ein Drittel der Bevölkerung eine Depression als Charakterschwäche betrachten. Kelsch forderte mehr EX-IN-Genesungsbegleiter, da diese als ehemals Betroffene besonders gut helfen könnten.

Als Vorstand des Vereins der Angehörigen psychisch Kranker in Regensburg erinnerte Sieglinde Keim an die "Ressource Angehörige". Angehörige hätten dazu beigetragen, was Psychiatrie heute sei. Und sie forderte mehr "professionelle Befassung mit den betroffenen Angehörigen". Veranstalter der Psychiatrietage waren die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Nordoberpfalz (PSAG), vertreten durch Thomas Fehr und Bertold Kellner und die VHS Weiden-Neustadt, vertreten durch Harald Krämer. Grußworte sprachen Oberbürgermeister Kurt Seggewiß, Bezirkstagspräsident Franz Löffler als Schirmherr und Regierungsvizepräsident Christoph Reichert.


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